Migrationskrise: Das deutsche Rettungsschiff «Sea-Eye 4» steuert mit knapp 30 Bootsmigranten an Bord auf die italienische Insel Sizilien zu

NZZ 03.09 2021 – klick zum Orignalartikel (MA)

Die griechischen Inseln, Libyen, die Balkanroute und der Ärmelkanal: Noch immer versuchen täglich Menschen, die Grenzen zu Europa zu überwinden. Das ist gefährlich – und die Überlebenden landen meist in Lagern, welche sich in katastrophalem Zustand befinden.

Die neusten Entwicklungen

  • Die Crew des Regensburger Seenotrettungsschiffs «Sea-Eye 4» steuert mit knapp 30 Bootsmigranten an Bord auf die italienische Insel Sizilien zu. Die Einsatzleitung habe am Donnerstagabend entschieden, die Menschen in Sicherheit zu bringen, teilte Sea-Eye am Freitag (3. 9.) mit. Zwei hochschwangere Frauen und Babys müssen demnach sofort an Land und medizinisch versorgt werden. Bisher lehnte es die italienische Küstenwache laut Sea-Eye ab, die Koordinierung dafür zu übernehmen und verwies auf die deutschen Behörden. Das Team der Hilfsorganisation entdeckte die Menschen am Mittwoch in einem überfüllten Holzboot im zentralen Mittelmeer. Sie waren den Angaben zufolge von Libyen aus aufgebrochen.
  • Polen hat in der Grenzregion zu Weissrussland den Ausnahmezustand verhängt. Mit der Unterzeichnung eines entsprechenden Dekrets reagierte Präsident Andrzej Duda am Donnerstag (2. 9.) auf die illegale Einreise vieler Migranten aus dem östlichen Nachbarland. «Die Situation an Polens Grenze zu Weissrussland ist schwierig und gefährlich», sagte ein Sprecher der Präsidialadministration in Warschau. Der Ausnahmezustand, der 30 Tagen gelten soll, trat noch am Nachmittag mit dem Moment seiner Veröffentlichung im amtlichen Anzeiger in Kraft. Das Parlament muss innerhalb von 48 Stunden informiert werden und hat die Möglichkeit, die Anordnung aufzuheben. Betroffen ist ein drei Kilometer breiter Streifen entlang der Grenze mit insgesamt 183 Ortschaften. Dort gilt nun ein Verbot von Versammlungen und Grossveranstaltungen. Der Zugang zu öffentlicher Information ist eingeschränkt. Medienvertreter müssten ausserhalb der Grenzzone bleiben, erklärte Innenminister Mariusz Kaminski.
  • Auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa sind am Samstag (28. 8.) 539 Bootsflüchtlinge angekommen. Das sei «eine der grössten Anlandungen der letzten Zeit», sagte Bürgermeister Totò Martello. Die Migranten waren zuvor knapp 15 Kilometer vor der Küste Lampedusas in einem völlig überfüllten Fischerboot auf dem Mittelmeer treibend von italienischen Patrouillenschiffen entdeckt und gerettet worden. Die Geretteten stammten vorwiegend aus Ländern Nord- und Westafrikas sowie aus Bangladesh und Syrien, hiess es. Die Zahl der Migranten in dem Erstaufnahmezentrum von Lampedusa stieg nach Medienberichten nach der Ankunft vom Samstag auf deutlich mehr als 1200. Es hat eine Kapazität für lediglich rund 250.
  • Das Uno-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) hat die polnische Regierung zur Hilfe für eine Gruppe von Flüchtlingen aufgefordert, die seit Tagen im Niemandsland an der Grenze zu Weissrussland festsitzt. Der Zugang zum Landesgebiet und zum Asyl müsse gewährleistet werden, wie es sowohl die polnische Verfassung als auch internationales Recht vorsähen, hiess es in einem am Dienstag (24. 8.) veröffentlichten Schreiben. Aus den Informationen des UNHCR gehe hervor, dass sich in der Gruppe Menschen aus Afghanistan und dem Irak befänden, darunter auch Frauen und Kinder. Die Gruppe ist auf der polnischen Seite von Soldaten und Grenzern umstellt, auf der weissrussischen Seite seien Sicherheitskräfte zu sehen. Das polnische Rote Kreuz gab am Dienstag bekannt, man versuche schon seit einer Woche, Zugang zu der Gruppe zu bekommen, um sie mit Essen, Trinken, Schlafsäcken und Wolldecken zu versorgen. Polen errichtet einen Zaun an der Grenze zu Weissrussland, um Flüchtlinge am Übertritt zu hindern.
  • Die Zahl der Migranten, die in kleinen Booten an einem einzigen Tag über den Ärmelkanal gelangt ist, hat am Wochenende vom 21. und 22. August erneut einen Rekord erreicht. Mehr als 800 Menschen überquerten die gefährliche Meerenge am Samstag (21. 8.), wie das britische Innenministerium am Dienstag (24. 8.) mitteilte. Es ist bereits der fünfte Tagesrekord seit Jahresbeginn. Insgesamt erreichten mehr als 12 500 Menschen in diesem Jahr die englische Küste auf diesem Weg. Im gesamten Vorjahr wurden 8417 Menschen gezählt. Der britischen Regierung, die nach dem Brexit ein neues, rigides Einwanderungssystem eingeführt hat, sind die illegal ankommenden Migranten ein Dorn im Auge. London und Paris verständigten sich kürzlich darauf, ihre Kontrollen an den Küsten zu verstärken.

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